Zeuge der Zukunft (aus der Süddeutschen Zeitung)

Der reisende Reporter Ryszard Kapuscinski berichtet von den Grenzen der Menschlichkeit
Seit vier Jahrzehnten ist Ryszard Kapuscinski, Jahrgang 1932, ein Reisender zwischen den Kontinenten und Kulturen. Seine literarischen Reportagen über Macht und Armut vermessen die sichtbaren und unsichtbaren Demarkationslinien einer gespaltenen Welt. In der "Streitraum"-Reihe, die die Schaubühne in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung veranstaltet, diskutierten mit Kapuscinski der Publizist Mathias Greffrath, der Schaubühnen-Regisseur Thomas Ostermeier und SZ-Redakteur Jakob Augstein. Ralf Berhorst hat das Gespräch zusammengefasst.

Greffrath: Ihre Bücher handeln oft von Grenzen, den Grenzen zwischen armen und reichen Ländern, aber auch von den Grenzen gegenseitigen Verstehens. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von der Errichtung eines neuen "Limes".

Kapuscinski: Grenzen haben ganz unterschiedliche Bedeutungen. Die staatlichen Grenzen werden heute durch die modernen Kommunikationstechnologien neutralisiert. Doch die kulturellen bleiben bestehen. Die westliche Zivilisation umgibt sich mit einem immer unüberwindlicheren Grenzwall. Auch einem psychologischen übrigens: So dringen immer seltener Informationen aus den Ländern der Dritten Welt zu uns, obwohl dort der größte Teil der Erdbevölkerung lebt.

Greffrath: Das Besondere an diesem neuen Limes, so sagen Sie, ist, dass er mitten durch einzelne Länder verläuft.

Kapuscinski: Wir blicken heute auf ein Jahrzehnt nachhaltiger Entwicklung zurück, dennoch hat die Ungleichheit rapide zugenommen. Die reicheren Regionen beuten die ärmeren aus. In Brasilien etwa lebt der Süden auf Kosten des Nordens. Ähnliches gilt für die entwickelten Länder. Die Ungleichheit wird das größte Problem des 21. Jahrhunderts sein.

Ostermeier: Glauben Sie, dass sich dagegen Widerstand erheben wird, sind künftige Rebellionen zu erwarten?

Kapuscinski: Armut erzeugt keine Revolutionen. Überhaupt sind Revolutionen geschichtlich gesehen ein extrem seltenes Phänomen. Die letzte wirkliche Revolution fand vor zwanzig Jahren im Iran statt. Vergleichbares ist nirgendwo in Sicht. In den meisten Ländern der Dritten Welt verfügen die Massen über keine Organisationsstrukturen. Außerdem hat sich gezeigt, dass die Strategie der Konfrontation zum Scheitern verurteilt ist. Jetzt versucht die Dritte Welt durch massive Immigration in die hoch entwickelten Länder Europas, in die USA oder Kanada einzudringen. Und objektiv betrachtet, ist der Westen auf diese Immigration sogar angewiesen.

Augstein: Dennoch wird Entwicklungspolitik heute auch immer mit dem Argument betrieben, dieser Immigration vorzubeugen.

Kapuscinski: Es ist immerhin ein wichtiger Schritt, dass die Armut heute überhaupt als Problem anerkannt wird. Jahrhunderte lang galt die Teilung der Welt in Arm und Reich als etwas völlig Normales.

Augstein: Ist es nicht eine neue Form der Domination, wenn wir den Menschen in Afrika unsere Vorstellung des glücklichen Lebens aufdrängen?

Kapuscinski: Sie haben Recht, die Maßstäbe des Westens beherrschen unsere Analysen. Sämtliche internationale Organisationen, auch die Kirchen, bewegen sich in den Kategorien europäischen Denkens. Diese Maßstäbe werden der Dritten Welt oktroyiert, aber andere haben wir nicht.

Ostermeier: Der Islam hat andere Maßstäbe und ist eine sehr vitale Kultur - vielleicht die einzige politische - und kulturelle Kraft, die dem amerikanischen Konsumententum gefährlich werden könnte?

Kapuscinski: Das sehe ich nicht. Der Einfluss des islamischen Fundamentalismus wird allgemein übertrieben. Von kleinen terroristischen Gruppen abgesehen, repräsentiert er nicht wirklich eine große gesellschaftliche Bewegung. Eigentlich ist die Erde bis auf einige Bürgerkriege im Augenblick ein sehr friedlicher Ort. Weniger als ein Prozent der Menschheit ist von bewaffneten Konflikten betroffen. Die Probleme liegen woanders: Armut, mangelnde Bildung, schlechte medizinische Versorgung.

Augstein: Wir reden hier in einer sehr globalen Perspektive, dabei handeln Ihre Bücher zumeist von einfachen Menschen, die Sie als ein Reisender zwischen den Kulturen aufsuchen. Glauben Sie an die Möglichkeit eines Austausches?

Kapuscinski: Ich versuche lediglich als ein Beobachter, Phänomene zu beschreiben und ihre Bedeutung zu erfassen. Ein Schriftsteller oder Reporter kann die Welt nicht verändern. Ich reise an entlegene Orte, weil mich die Träume, Hoffnungen und Ängste der einfachen Menschen interessieren. Oft erwache ich morgens in Dörfern, in denen an diesem Tag niemand etwas zu essen haben wird. Viele in Europa haben keinen Kontakt mit dieser Realität und verstehen sie nicht. Wenn man sich wundert, warum die Menschen der Dritten Welt aus ihren Dörfern in die Slums der großen Städte ziehen, dann muss man diese Dörfer nur einmal gesehen haben. Ich schreibe meine Geschichten, um etwas von dieser unbekannten Wirklichkeit einzufangen.

Greffrath: Zeugenschaft ist eine religiöse Kategorie. Ist die Religion eine letzte Zuflucht?

Kapuscinski: Die Menschen in diesen Ländern sind sehr religiös. Sie leben inmitten einer feindseligen Natur, und der Glaube an eine übernatürliche Instanz, die ihnen beisteht, ist das Einzige, woraus sie Kraft und Stärke beziehen können. Spiritualität ist für sie eine Existenzbedingung. Sie verstehen es nicht, wenn jemand nicht religiös ist. Keine Religion zu haben, ist für sie etwas Abnormales. Die erste Frage, die sie an einen Besucher richten, lautet immer "Glaubst Du an Gott?" - ich antworte immer mit "Ja".


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